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Praxisinterview Bayern

Antike vermitteln ohne Barrieren

Mit dem Projekt „All inclusive“ engagiert sich das Museum für Abgüsse Klassischer Bildwerke München seit 2021 für den Abbau von Barrieren in der Vermittlung antiker Kunst – und treibt die Verzahnung analoger und digitaler Vermittlungsstrategien im eigenen Haus voran.

Das Museum für Abgüsse Klassischer Bildwerke München wurde vor mehr als 150 Jahren gegründet, um die Forschung und Lehre im Bereich der Klassischen Archäologie zu unterstützen. Seit 1991 wird die Sammlung, die mittlerweile rund 2.000 Abgüsse umfasst, auch als öffentliches Museum mitten im Münchener Kunstareal genutzt. Andrea Schmölder-Veit und Nele Schröder-Griebel sind seit 2018 die leitenden Kustodinnen des Museums. Die Klassischen Archäologinnen möchten die Sammlung nicht nur für ein breiteres Publikum öffnen, um Inhalte zur griechisch-römischen Antike zu vermitteln, sondern machen ihr Museum zu einem inklusiven Ort: Gemeinsam mit dem Museumspädagogischen Zentrum setzen sie bis Ende 2023 das Projekt „All inclusive“ im Rahmen des Landesförderprogramms „kultur.digital.vermittlung“ um und entwickeln darin verschiedene Formen der barrierefreien Vermittlung.

Wie engagiert sich das Museum für Abgüsse Klassischer Bildwerke München im Bereich der kulturellen Bildung?

Andrea Schmölder-Veit: Zum einen wurde der ursprüngliche Sammlungsschwerpunkt erweitert: Nachdem in früheren Zeiten in sich geschlossene Forschungsgruppen gesammelt wurden, die für ein breiteres Publikum weniger zugänglich sind, wurde das Museum später mit den „Highlights“ der antiken Skulptur ausgestattet. Zum anderen bieten wir Führungen an, organisieren Sonderausstellungen, beteiligen uns an der Langen Nacht der Museen. Unter unserer Vorgängerin Ingeborg Kader wurden Events im Museum wie Opernaufführungen und philosophische Gespräche oder Praxisworkshops zu Gipsabgüssen mehr und mehr Teil der Museumsarbeit, die wir gern weiterführen.

Stellen Abgüsse eine besondere Herausforderung für die Vermittlung dar?

Nele Schröder-Griebel: Wir können zwar nicht die Ästhetik des Originals bieten, aber durch das Nebeneinander verschiedener Werke sehr gut unterschiedliche thematische, chronologische und inhaltliche Kontexte vermitteln. Denn dadurch, dass wir Abgüsse sammeln, verfügen wir über eine enorme Bandbreite an Ausstellungsstücken. Bei uns finden die Besucher:innen antike Werke, für die sie sonst nach London, Athen, Rom oder Paris reisen müssten. In vielen Fällen sind Abgüsse besonders wertvolle Zeitkapseln: In unserer Sammlung befinden sich einige historische Abgüsse, die im Original nicht mehr oder nur noch teilweise erhalten sind.

Andrea Schmölder-Veit: Jeder unserer Abgüsse ist auch ein Kunstwerk an sich, hinter dem enorme handwerkliche Fertigkeit steht; das vermitteln wir auch unseren Besucher:innen. Im digitalen Zeitalter stellt sich die Frage nach Original oder Kopie ohnehin noch einmal neu.

Digitale und analoge Vermittlungsangebote verzahnen

Aus welcher Motivation haben Sie sich für eine Förderung im Programm „kultur.digital.vermittlung“ beworben?

Nele Schröder-Griebel: Vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie wollten wir digitale Mittel stärker nutzen, um Interessierte besser zu erreichen, unabhängig davon, ob ein physischer Besuch gerade möglich ist. Für uns als kleines Museum mit fünf Mitarbeiter:innen war das Programm „kultur.digital.vermittlung“ perfekt, um entsprechende Strukturen zu etablieren. In dem Projekt „All inclusive“ verzahnen wir digitale und analoge Vermittlungsangebote für Besucher:innengruppen, die wir bis dahin noch nicht so gut bedient haben: gehörlose Menschen, blinde und sehbeeinträchtigte Menschen und Menschen mit kognitiven Einschränkungen. Nach unserem Motto „Antike ohne Barrieren“ bauen wir auch unabhängig von der Förderung Barrieren ab: Wir nehmen keinen Eintritt, unsere Führungen sind kostenlos. Deswegen wollten wir auch die Barrieren in anderen Bereichen abbauen.

Andrea Schmölder-Veit: Die betroffenen Gruppen haben besonders unter den Folgen der Pandemie gelitten und wurden allgemein von kulturellen Einrichtungen weniger in den Blick genommen. Deswegen war es uns wichtig, hier etwas Neues zu gestalten und anzubieten.

Neuland beschreiten durch den Abbau von Barrieren

Sie möchten mit „All inclusive“ bewirken, dass Menschen mit besonderen Bedürfnissen selbstbestimmt und kreativ am kulturellen Erbe teilhaben können. Wie setzen Sie das konkret um?

Andrea Schmölder-Veit: Das erste unserer Projekte im Rahmen der Förderung war die Übersetzung unseres Comics „Lisa & Linus und das Geheimnis der Gipsfiguren“ in Gebärdensprache, die Muttersprache vieler Gehörloser. Dazu haben wir eng mit dem Gehörlosenverband München und Umland zusammengearbeitet. Was uns überrascht und auch betroffen gemacht hat: Viele Begriffe, wie etwa „Tempel“, kommen in der deutschen Gebärdensprache nicht vor. In Kooperation mit den Museum Signers konnten dann Gebärden zu Begriffen aus der Antike gefunden beziehungsweise aus der griechischen und italienischen Gebärdensprache übernommen werden. Wir haben Erklärvideos zu diesen Begriffen sowie zu den Highlights unseres Museums und einem Rundgang durch die Ausstellungssäle gedreht. Mit diesen Maßnahmen beschreiten wir Neuland, da die Bildung für Gehörlose in Deutschland in diesem Bereich bisher noch nicht ausgeprägt ist.

Nele Schröder-Griebel: Um Angebote für blinde und sehbeeinträchtigte Besucher:innen zu schaffen, haben wir mit betroffenen Einzelpersonen und dem Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbund zusammengearbeitet. Dabei haben wir Wert darauf gelegt, Angebote zu entwickeln, die zu unseren Gegebenheiten passen. Beispielsweise haben wir aufgrund unserer Eingangssituation nicht die Möglichkeit, Audioguides anzubieten. Also haben wir Audiomodule entwickelt, die an verschiedenen Stellen im Museum angebracht werden. Über die Audiotexte vermitteln wir Informationen zu einzelnen Objekten, zu den Epochen sowie zum Rundgang durch die Museumssäle. Zusätzlich entwickeln wir Taststationen mit Statuetten oder 3-D-Scans zu verschiedenen Themen der Sammlung, kombiniert mit Audiotexten. Für blinde Besucher:innen, die die Braille-Schrift beherrschen, legen wir in der Sammlung die Informationen zu unseren „Highlights“ als Braille-Broschüre aus.

Andrea Schmölder-Veit: Für Menschen mit kognitiven Einschränkungen arbeiten wir mit einfach verständlicher Sprache. Unsere „Highlights“ und weitere Informationen zur Abgusstechnik werden demnächst in einfach verständlicher Sprache auf unserer Website verfügbar sein. Das ist übrigens nicht nur für kognitiv eingeschränkte Besucher:innen ein gutes Vermittlungsangebot, sondern generell eine hilfreiche Alternative zu unseren oft wissenschaftlich geprägten Texten.

Wie erreichen Sie all diese Besucher:innengruppen?

Andrea Schmölder-Veit: Wir informieren die Betroffenen über die entsprechenden Verbände mit deren Newslettern sowie spezialisierte Schulen oder Schulen mit Inklusionsklassen in München, für die unsere Angebote interessant sind.

Nele Schröder-Griebel: Grundsätzlich braucht es einen langen Atem, damit die neuen Besucher:innengruppen Vertrauen aufbauen. Daher wird sich erst in einigen Jahren zeigen, wie unsere Angebote insgesamt ankommen. Gerade für gehörlose Besucher:innen konnten wir schon jetzt viel erreichen: Der Comic wird gut angenommen, ebenfalls unsere Führungen, die simultan in Deutsche Gebärdensprache übersetzt werden. Es gibt viele Dinge, auf die wir jetzt schon stolz sein können.

Digitale kulturelle Bildung statt Onlinewerbung

Im Zuge der Corona-Pandemie gewann Digitalität schlagartig an Relevanz. Welchen Stellenwert hat das Thema mittlerweile in der Museumslandschaft?

Nele Schröder-Griebel: Das Digitale bleibt wichtig für die Museen. Wir sind mittlerweile davon überzeugt, dass digitale Besucher:innen genauso wichtig sind wie analoge, auch wenn sie schwieriger zu fassen sind. So haben wir auch gelernt, zu akzeptieren, dass digitale Besucher:innen vielleicht gar nicht vorhaben, ins Museum zu kommen. Es geht also gar nicht um Onlinewerbung für den physischen Museumsbesuch, sondern vielmehr darum, eine digitale kulturelle Bildung anzubieten, die sich von dem, was wir vor Ort im Museum machen, unterscheiden kann.

Wie schätzen Sie den Stellenwert von Inklusion in der kulturellen Bildungsarbeit von Museen ein?

Andrea Schmölder-Veit: Das Thema Inklusion und entsprechende Vermittlungsangebote werden weiter an Bedeutung gewinnen. Was aber noch vielfach ungeklärt ist: Wer ist für die Förderung inklusiver Kulturangebote zuständig? Momentan finanzieren Museen beispielsweise den Einsatz von Gebärdensprachdolmetscher:innen in der Führung selbst, und nicht jedes Museum kann sich das leisten. Solange in diesem Bereich nicht mehr öffentliche Förderung stattfindet, wird es den Museen schwerfallen, diese Zielgruppen gut zu bedienen.

Foto von einem Marktplatz mit Häuserzeilen

Kulturelle Bildung in Bayern

Ästhetische Erfahrungsräume digitaler oder analoger Natur eröffnen sich in Bayern in Kunstmuseen und Opernhäusern, Schulen und Musikvereinen.
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